Gedanken von Veronika Prüller-Jagenteufel
Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.
Shalom Ben Chorin, 1942
Wieder ist Frühling und das Erblühen der Natur steht in einem eigenartigen Kontrast zur gefühlt unsicherer und schwieriger gewordenen Weltlage.
Der jüdische Religionsphilosoph und Schriftsteller Shalom Ben Chorin hat diese Diskrepanz mitten im Zweiten Weltkrieg offenbar sehr stark wahrgenommen. Er wählt den aufblühenden Mandelzweig als Gegenbild zur Zerstörungswut des Krieges. Die Zweige des Mandelbaums gehören zu den ersten, die im Frühling ihre Blüten zeigen. Ist das möglich, dass auch im Rauch der Verwüstung die Unbeugsamkeit des Lebens erahnbar wird?
Shalom Ben Chorin kennt die Bibel gut und findet beim Propheten Jeremia das Hoffnungsbild des blühenden Mandelbaums – in einer Zeit, in der Jerusalem durch Krieg zerstört wird und ein Gutteil der Bevölkerung ins Exil gehen muss. Der Prophet führt diese Hoffnung auf Gott zurück: "Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus." (Jer 1,11f) Ist es wahr, dass Gott aus der Not rettet?
Im hebräischen Urtext steckt hier ein Wortspiel. „Mandelzweig“ und „wachen“ klingen auf Hebräisch fast gleich. Der Mandelzweig wird so zum Fingerzeig, dass Gott über seine Welt wacht, auch dann, wenn wir das nicht wahrnehmen und spüren, sondern nur glauben und hoffen können. Der Prophet Jeremia und auf subtile Art auch der Philosoph Shalom ben Chorin halten daran fest: Gott ist treu und steht zu seinem Wort der Liebe zu uns Menschen, zu seinem Versprechen von Heil und Leben. Ist das auch heute noch tragfähig, sich darauf einzulassen?
Shalom Ben Chorin fragte einmal: „Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt?“. Als Christ*innen feiern wir zu Ostern, dass Gott und das Leben das letzte Wort behalten. Das ist wohl verrückt österlich: zu hoffen, dass die Liebe bleibt.
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Und zur Erinnerung an den tieferen Sinn des Fastens hier noch ein anderer Text aus einem Prophetenbuch der Bibel: Jesaja Kap. 58 Verse 3- (in Auszügen)
… Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Seht, ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt? Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der HERR dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.
Und zum Schluss noch drei sehr empfehlenswerte Adressen für eine spirituelle Begleitung durch die Fastenzeit:
https://www.dioezese-linz.at/bibelwerk/aufatmen/anmeldung - für jeden Tag ein Bibelvers mit einem guten Text und einem Meditationsbild dazu (verschiedene Autoren)
https://7wochenohne.evangelisch.de/fastenmail - Fastenaktion der evangelischen Kirche in Deutschland. Diesmal mit dem Motto: „7 Wochen ohne Panik“. Einmal pro Woche kommt ein etwas längeres Mail mit guten Gedanken und einer konkreten Praxisanregung.
https://www.anderezeiten.de/initiativen-publikationen/fastenzeit - Fastenkalender oder tägliches Mail. Gute Texte.